Schwedisches design aus Skåne
Dafür ist Apokalyps Labotek ein deutliches Beispiel. Dieses Designbüro, das von den Industriedesignerinnen Petra Lilja und Jenny Nordberg in Malmö gegründet wurde, hat mit klimafreundlichen, zukunftsweisenden Produkten wie „The soap“ und „The parquet“ auf sich aufmerksam gemacht. Hinter diesen Namen verbergen sich eine Seife aus wiederverwertetem Kochöl, das in den Falaffel-Lokalen von Malmö anfällt, und ein eleganter, mehrfarbiger Kunststoff-Parkettboden, der aus ausrangierten Autoreifen hergestellt wird.
Das Designbüro Apokalyps Labotek – das seine Werke bereits in den ersten Jahren nach der Gründung in Ausstellungen von Potsdam bis Teheran und London präsentierte und mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde – arbeitet ausschließlich mit durchdachten Produkten, die zu unserer aller Überleben beitragen. Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Designerinnen eine ganz eigene Designstrategie entwickelt. Die Grundvoraussetzung, damit sie sich überhaupt mit einer Aufgabe weiter beschäftigen, ist, das das Produkt irgendeine Form von Recycling enthalten muss. Außerdem müssen die verwendeten Materialien aus regionaler Produktion stammen und das Endprodukt muss eine interessante Geschichte zum Thema Recycling vermitteln.
Aber eigentlich brauchte man nie nach Skåne zu reisen, um typisch skånisches Design zu finden. Diese Landschaft, die ganz an der Südspitze von Schweden liegt und die nur ein schmaler Sund von Dänemark trennt, ist natürlich engstens mit dem Phänomen „Skandinavisches Design“ verknüpft, jenem Design also, das aufgrund klarer Formen und höchster Qualität heute weltweite Berühmtheit geniest. Eben dieses Design erlebte seinen ersten Durchbruch an der Küste des Öresunds. Das war bei der legendären Helsingborger Ausstellung zu Kunstindustrie und Inneneinrichtung, die 1955 in Helsingborg unter dem Titel „H55“ stattfand und einer der größten gemeinsamen Auftritte der Vertreter des neuen Designstils war.
Doch es sind nicht nur die Ideen und ein bestimmter Stil, sondern auch beim Material stößt man überall rund um den Globus auf typisch skånische Arbeiten. So zum Beispiel bei der berühmten Oper im australischen Sydney, die von dem Dänen Jørn Utzon entworfen wurde und deren segelförmiges Dach aus über einer Million speziell angefertigter Kacheln besteht, die direkt aus dem skånischen „Lehmgürtel“ nördlich von Helsingborg kommen. Oder nehmen Sie das Denkmal für Raoul Wallenberg in New York, das Ende der 1990er Jahre in der Nähe des UN-Wolkenkratzers in Manhattan aufgestellt wurde und dessen auffälligste Eigenschaft die unbehauenen Säulen aus der ungewöhnlichen, typisch skånischen Steinart schwarzem Diabas sind.
Denn zu der Zeit, bevor regional recycelte Autoreifen und Falaffelöl zu den Rohstoffen für skånisches Design wurden, war es der hiesige Boden, mit seinem hohen Gehalt an Lehm und Steinen, der das typische Merkmal bildete. Keinem, der nach Skåne reist entgeht, wie alles, was hier gebaut wurde sehr ausdrucksvoll durch Ziegel in gelben und rosafarbenen Schattierungen geprägt ist. Oft hat das Material Ziegel eine typische Ausstrahlung, es erscheint rau und scheint zu leben, in früheren Zeiten wurde der Ziegel natürlich von Hand bearbeitet. Außerdem haben die lehmigen Böden, vor allem in den nordwestlichen Teilen von Skåne auch zum Entstehen einer einzigartig reichen Keramiktradition beigetragen.
Höganäs war das Zentrum jenes Lehmgürtels, in dem es im 20. Jahrhundert mehr Keramikwerkstätten und Ziegeleien gab als in jeder anderen Gegend Schwedens – heute ist das ein Stück Geschichte. Hier in Höganäs lagen die beiden großen Betriebe, Höganäs AB und Höganäs Keramik. Der erstere stellte Ziegel und traditionelle Krüge, aber auch viele Kunstobjekte aus Keramik her, während der andere, der 1909 von dem Töpfer Karl Andersson und dem Glasurmeister Sigfrid Johansson gegründet wurde, auf Gebrauchskeramik wie Geschirr und Haushaltswaren ausgerichtet war, die oft von den berühmtesten Designern entworfen worden waren. Heute ist jedoch keiner dieser Betriebe mehr mit seiner Keramikproduktion in Höganäs vertreten.
Demgegenüber steht die Keramik im Höganäs Museum und der angeschlossenen Kunsthalle mit dessen umfangreicher Sammlung von künstlerischer Kerami vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert, noch immer im Mittelpunkt. Im Rahmen der Ausstellungen dort werden auch die vielen in der Gegend arbeitenden Keramiker vorgestellt, die man hier vor Ort und in den übrigen Teilen Skånes noch immer findet.
Eine lebendige Keramiktradition gibt es auch ein Stück weiter südlich, wo die Wallåkra Steingutfabrik nach Vorlagen aus den 1860er Jahren Töpfe mit Salzglasur herstellt. Der dabei verwendete Ton stammt ebenfalls aus dieser Gegend. Im 21. Jahrhundert wurde in Wallåkra umfangreich in moderne Anlagen, wie beispielsweise den neuen Brennofen, investiert. Für die Besucher hat man außerdem ein Spitzenrestaurant, Verkaufsräume und eine Galerie, in der modernes Kunsthandwerk aus Keramik präsentiert wird, eingerichtet.
Einige der erfolgreichsten Möbelhersteller Schwedens haben ihren Hauptstandort ebenfalls in Skåne und entwickeln gemeinsam mit jungen Designern und Architekten innovatives Spitzendesign. Regelmäßig werden die hochwertigen Produkte von Gärsnäs, Iform, Skandiform und Blå Station auf den internationalen Möbelmessen mit Auszeichnungen geehrt. Sie stammen von namhaften Designern wie Claesson Kaivisto Rune, Junas Lindvall, Fredrik Mattson, Stefan Borselius, Anna von Schewen, Johan Celsing und Peter Karpf. Häufig geht es dabei um den sehr gekonnten Umgang mit Holz, das nicht selten in gebogener oder laminierter Form verwendet wird, ebenso häufig sind aber auch experimentelle Lösungen mit neuartigen Materialien darunter.
Eine Leistung in diesem Sinne ist die Taschenserie „Boblbee“ des Industriedesigners Jonas Blanking. Das erste Stück der Serie, „Megalopolis“ aus dem Jahr 1998 hat heute schon fast den Status eines zeitlosen Klassikers erlangt. Blanking, der aus Malmö stammt, als Designer für Alfa Romeo, Volvo, Porsche und für die Sportmarke Salomon aber auch in der internationalen Designwelt gearbeitet hat, wollte ein eigenes, neues Produkt entwickeln. Das Resultat war der jegliche gestalterische Konventionen hinter sich lassende Rucksack Boblbee, der für die Stadtmenschen von heute im Zeitalter der Informationstechnik geschaffen wurde. Er ist ergonomisch durchdacht und aus stoßunempfindlichem Material hergestellt, das zuvor in der Gepäckabfertigung des örtlichen Flughafens getestet wurde. Heute ist Boblbee ein verbreiteter und bekannter Anblick in den Städten der Welt; die Verwaltungszentrale und die kreativen Köpfe hinter dem Produkt findet man aber immer noch im skånischen Malmö und Torekov.
Um auch in Zukunft auf diese Weise Neuland zu erobern, wird vermehrt auf Studiengänge in Industrie- und Produktdesign an der technischen Hochschule Lund sowie an der Hochschule Malmö gesetzt. Die in Lund gelegene Designhochschule wird mit einem Betrag in mehrfacher Millionenhöhe vom berühmtesten Vertreter von schwedischem Design im Alltag – Ikea, unterstützt und folgerichtig ist die Schule im nach dem Gründer von Ikea benannten Ingvar Kamprad Design Center untergebracht. Zum Lehrangebot gehören Ausbildungsgänge im Design, bei denen traditionelle Fächergrenzen überschritten werden und auch zeitgemäße Themen wie Ökologie, Material- und Raumforschung auf dem Lehrplan stehen.
Doch wo findet man die Produkte, die in Skåne erdacht und hergestellt werden eigentlich? Nun, die beste Adresse ist das Form Design Center in Malmö, ein breit angelegter Treffpunkt für Ausstellungen zu Form, Design und Architektur mit Wurzeln in Skåne, Schweden oder international, bevorzugt mit einer Ausrichtung auf jungen Talenten und unkonventionellen Ideen. Das Form Design Center befindet sich in einem traditionsreichen, sanierten Lagerhaus, das sich über drei Stockwerke erstreckt und großzügig mit einem Café, Zeitschriftenzimmer und einem gut sortierten Museumsshop ausgestattet ist.
Schwedens Archiv für Werbung und Graphikdesign hat einen dauerhafte Heimat im Museum Landskrona, Rum för Reklam (dt. „Raum für Werbung“) gefunden. Auch Einrichtungen wie das Kulturen in Lund, Dunkers Kulturhus in Helsingborg und die Malmöer Museen haben immer wieder Ausstellungen über moderne Gestaltung, Design und Mode im Programm. Nicht selten sind die Museumsshops Orte, in denen man auf der Suche nach unkonventionellen, sorgfältig ausgewählten Produkten fündig wird. Das mit Geldern aus den Fonds Henry Dunkers, der mit einer Gummifabrik zum Milliardär wurde, errichtete Dunkers in Helsingborg stellte zum Beispiel Designern aus der Region die Aufgabe, ein Material zu erforschen, aus dem für gewöhnlich Reifen und Überschuhe hergestellt werden. – Das Resultat waren u. a. originelle Taschen und Schmuckstücke.
Einen guten Überblick über die heutige Designszene gewinnt man auch in dem Design-Geschäft Designtorget in Malmö, dessen Sortiment aus einer überlegten Ausrichtung auf schwedische und skånische Produkte besteht. Dieselbe Haltung vertritt auch Norrgavel, das skandinavische Traditionen in einer modernen Variante konsequent weiterführen möchte. Einen hohen Anspruch in Sachen Design haben auch die Geschäfte David design und Olsson & Gerthel. Das in der Stadtmitte von Lund gelegene Skånekraft sowie Formargruppen in Malmö und Konsthantverkarna i Ystad haben einen Überblick über die aktuellen Arbeiten der skånischen Keramiker, Glas-, Schmuck- und Textildesigner sowie darüber, wo deren Werke gezeigt und verkauft werden und zu welchen Zeiten ihre Werkstätten für Besucher geöffnet sind. In Simrishamn bildet während des Sommerhalbjahrs der an der Storgatan direkt gegenüber der Apotheke gelegene Showroom einen Treffpunkt für Design, Architektur und Fotografie.
Im Internet und in einem kleinen Ausstellungsraum in Malmö präsentiert sich auch das ehrgeizige Forum scandinaviandesign.com, das Hintergrundwissen und ein Nachrichtenarchiv bietet. Außerdem werden die vorgestellten Produkte hier verkauft.
In Einklang mit dem gestiegenen Interesse an klimafreundlichen Produkten wächst die Anzahl an Vintage-Geschäften. Das hier zu findende Angebot wird immer spezialisierter und wohl sortierter. Das auf Recyclingprodukte spezialisierte Kaufhaus Sopstationen und Nirvana Second hand in Malmö sind nur einige gute Beispiele dafür, ebenso wie das exklusivere Moderna Möbelklassiker. Letzteres ist jetzt vom Malmöer Stadtzentrum in einen Neubau auf dem Land nördlich von Lund umgezogen.
Ingrid Sommar ist Designjournalistin und lebt in Malmö. Sie schreibt in der Fachpresse und in den Zeitschriften „Arkitektur“ und „Rum“, sowie für ein breiteres Publikum in „Sydsvenskan Kultur“ über Design und Architektur. Sie hat außerdem mehrere Bücher geschrieben, u. a. „Ø-Design, om form på bägge sidor om Öresund“, und „Made in Malmö“.
Posted at Thu, 04/29/2010 - 10:23


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